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Diversify – Ein Bericht über Anspruch und Realität

Julia Gause

Wir sind der Fuchsbau – “Mit unserer Arbeit wollen wir FLINTA*, migrantische und queere Perspektiven sichtbar machen und in den Vordergrund stellen”, so steht es in vielen unserer Anträge zur Förderung unseres etwa zweijährlich stattfindenden Festivals. Und das gelingt uns. Unser Booking gilt als divers, queer-feministisch, progressiv, am Puls der Zeit. Und doch stellen wir uns die Frage: “Wie divers ist der Fuchsbau wirklich?” Denn wer hinter die Kulissen schaut, sieht ein Team, größtenteils weiß, größtenteils cis, fast ausschließlich akademisch, aber, immerhin mit einem recht großen Frauenanteil. Wobei klassische “Führungspositionen” wie Produktions-,  programmatische Leitung und Projektkoordination dann doch wieder in Männerhand liegen (bzw. lagen). Diesen Eindruck bestätigt uns auch Demba Sanoh, einer von zwei Gründer:innen der Diversity Agentur “Same but Different” (https://www.diversityberlin.de/). Im Rahmen unseres Diversity Workshops (finanziert durch Fonds Soziokultur) begrüßt er uns mit den Worten: “Ich habe mir euer Booking angeschaut, das sieht wirklich schon sehr gut aus, da brauchen wir wenig drüber sprechen, also lasst uns eure internen Strukturen näher beleuchten, und gerne auch wie und wo ihr neue Kollektivmitglieder sucht.”  

Demba macht regelmäßig Workshops mit Kulturschaffenden, hält Impulsvorträge auf Konferenzen und gilt als Experte für den Bereich “Diversität” im (musikalischen) Kulturbetrieb. Wir haben genau einen Vormittag mit ihm, sind gespannt, neugierig, motiviert, das meiste aus dieser kurzen Zeit herauszuholen. Sein kurzer Impuls verdeutlicht noch einmal, was wir bereits ahnen: Insgesamt ist die (deutsche) Musikbranche zu weiß, zu männlich und mit einem noch größeren Gender Pay Gap versehen als der Rest der Gesellschaft. Dazu kommen immer wieder Berichte von sexualisierter Gewalt, Homophobie, Rassismus. Auch die Herausforderung, dass viele externe Dienstleistungen oftmals sehr männlich geprägt sind (allen voran Security und Technik) kennen wir. Umso stolzer dokumentieren wir unter der Fragestellung, was wir bereits erreicht haben, dass die Leitung unseres Sicherheitsdienstes im Jahr 2022 tatsächlich das erste Mal in zehn Jahren Fuchsbau eine Frau war. Ein kleiner Meilenstein für uns, ebenso wie die stetig steigende Professionalisierung unseres Awarenessteams, das sich zwar jedes Jahr neu findet, durch extern angeleitete Workshops und eine konstante Betreuung innerhalb des Fuchsbau-Kernteams und damit verbundene Reflektionsrunden aber immer bessere Arbeit leistet.

Zurück zum Ausgangsproblem: Unser Booking ist bereits divers, ein Awarenessteam besteht, wir bemühen uns um Ausgeglichenheit und Diversität auch in den männlich dominierten Gewerken. So weit, so gut. Es bleibt dennoch die Frage nach uns als Kernteam, also derjenigen Menschen, die sich das ganze Jahr sowohl inhaltlich als auch organisatorisch mit dem Fuchsbau und seinen Veranstaltungen auseinandersetzen. Als größtenteils ehrenamtliches Projekt ist der Fuchsbau Herzensthema Abenteuerspielplatz zugleich, dabei ist uns bewusst, dass wir das Ehrenamt nur dank einer (wirtschaftlich) privilegierten Situation ausüben können. So kam Teamzuwachs in der Vergangenheit entsprechend aus der gleichen “Bubble”: Freund:innen von Teammitglieder, oder Menschen, die durch ein Praktikum oder Freiwilligenarbeit auf dem Festival bereits mit dem Fuchsbau in Berührung gekommen waren. Erst Ende 2021 machten wir erstmals einen öffentlichen Aufruf, baten Menschen sich bei uns zu melden für bestimmte, vakante Positionen. Dabei fehlte natürlich nicht die übrige Einladung “Wir möchten insbesondere People of Color, Menschen mit Flucht- oder familiärer Migrationsgeschichte, Menschen mit Behinderung und queere Menschen herzlich ermutigen, sich auf diesen Aufruf zu melden.” Und doch, auch hier, viel diverser sind wir nicht geworden (und diese Aussage soll auf keinen Fall den Wert des Teams und der tollen Menschen, die in den letzten anderthalb Jahren Teil des Fuchsbau-Teams geworden sind, schmälern!). In der Diskussion untereinander und mit Demba taten sich sodann auch mehr Fragen als Antworten auf: Wie können wir Menschen außerhalb unserer “Bubble” erreichen? Wie können wir Menschen mit weniger-privilegierten sozio-ökonomischen Hintergründen ein ehrenamtliches Engagement ermöglichen? Wie schaffen wir eine offene Kultur, in der sich alle “Neuen” einbringen können und wollen? Wonach entscheiden wir eigentlich, wer Teil des Teams wird? Wollen wir ein Kollektiv sein, das aus Friends und Friends von Friends besteht, oder sind wir ein politisches Projekt, in dem Gatekeeping und positive Diskriminierung klar gewollt sind? Es sind, wieder einmal, die großen Fragen, die sich in solchen nach innen gerichteten Workshops auftun und deren Beantwortung Wochen, wenn nicht Monate dauern wird. Sofern sie denn überhaupt abschließend beantwortet werden kann. Dennoch: Nach vier Stunden Workshop mit Demba sind wir gedanklich ein paar Schritte weiter gekommen. 

  • Wir wollen und müssen den Einstiegsprozess niedrigschwelliger gestalten – das geht vom ersten Kontakt (der bis dato eine richtige “Bewerbung” war), bis zu den ersten Gesprächen und der langfristigen Bindung ans Team 
  • Wir kennen Kollektive, die deutlich diverser sind als wir. Warum denken wir nicht noch mehr in Kooperationen und lassen auch unsere Aufrufe zur Mitarbeit durch sie teilen?
  • Was heißt es eigentlich, Teil des Fuchsbaus zu werden? Kaum jemand wird sich ohne Berührungspunkte für eine Mitarbeit melden – lasst uns also die Menschen dort ansprechen, wo sie den besten Eindruck von unserer Arbeit erhalten: auf unseren Veranstaltungen!
  • Wer wollen wir sein? Welche Strukturen wollen wir schaffen, um Diversifizierung zu fördern, und an welchen Stellen müssen wir aufgrund der Ehrenamtlichkeit unseres Kollektivs doch Abstriche machen? Diese Frage gilt es auszuhandeln – besser jetzt als später.

Diese Ideen und Maßnahmen sind Garanten für die Diversifizierung unseres Teams. Und so ist unser erster Schritt der der offenen Reflektion über den Status Quo unseres Teams:


“Hallo, wir sind der Fuchsbau!

Wir sind junge Menschen aus Politik, Aktivismus, Kultur und Entrepreneurship. Uns vereint das Streben in unserem Schaffen diverse Perspektiven, insbesondere FLINTA* migrantische und queere Positionen in den Vordergrund zu stellen. Daher legen wir großen Wert auf ein entsprechendes Booking für unsere Veranstaltungen. Und dennoch ist auch bei uns nicht alles perfekt. Weder die externen Dienstleister:innen noch wir selbst als Team bilden bisher die Buntheit der Gesellschaft so ab, wie sie ist. Deshalb brauchen und holen wir uns Unterstützung. Wir beschäftigen uns konstant mit verschiedenen Formen der Diskriminierung, bilden uns weiter und freuen uns über konstruktives Feedback zu uns oder unseren Veranstaltungen. Dazu möchten wir auch in unserem Kernteam weitere Perspektiven einbinden. Stand heute sind wir mit wenigen Ausnahmen weiß, able-bodied, akademisch und cis-gender. Das möchten wir ändern. Wenn du, Leser:in dieses Textes, uns in irgendeiner Form dabei helfen kannst und willst, melde dich bei uns – wir freuen uns auf dich und deine Ideen!”

Dieser letzte Absatz ist absolut ernst gemeint: Wer konkrete Fragen oder Anmerkungen oder Ideen zu den angeteaserten Formaten, Fragestellungen und Reflektionsprozessen hat, darf sich gerne bei uns unter info@fuchsbau-festival.de melden! Wir freuen uns insbesondere über einen Austausch mit anderen Festivals oder Kollektiven, die ähnliche Prozesse und Themen bearbeiten